Die letzte Woche war auch die entspannteste und, soweit es mich betrifft, die lustigste. Vereteufelt ist das aber auch, gerade wenn man anfängt, sich uneingeschränkt in einer Gruppe wohlzufühlen, löst sie sich auf. Statt hier aber vom harten Leben zu rappen (wink), werde ich jetzt wohl einfach dazu übergehen, von den letzten Tagen zu erzählen.
Grundsätzlich war die Woche dazu gedacht, die gemeinsame Zeit gemütlich ausklingen zu lassen- ein weniger voller Zeitplan und feiertagsbedingt sogar ein gänzlich freier Tag sollten dafür sorgen.
Montags stand eine Zusammenführung mit anderen sprachkursabsolvierenden Erasmus- Studenten auf dem Plan. Wir mussten eine Art “Ralley” bestreiten, sprich verschiedene Aufgaben lösen, wofür wir per Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt wurden. Danach war ewig langes Herumrennen in dem in diesem Fall viel zu großen Kardioru- Park angesagt. Das Großartige war dann nicht nur, dass man kreuz und quer über das Gelände gejagt wurde (wobei die zu lösenden Aufgaben dann in keinerlei Zusammenhang mit dem Ort, Gebäude, Monument, zu dem man hetzte, standen), sondern auch die interessante Gesellschaft, in der ich mich befand. Gähn. Die Welt brauch Leute, die irgendwas zu sagen haben.
Glücklicherweise war ich wenigstens etwas zu spät, da ich zuerst zu dem Waschsalon musste, von dem ich von den (wenn überhaupt) brüchiges Englisch sprechenden Damen zwei Mal weggeschickt wurde. Als dann endlich eine Trommel frei wurde (zumindest nehme ich an, dass es daran lag), musste ich einmal herausfinden, wie man sich weiter zu verhalten hat- nachdem das aber nicht möglich war (jede Anfrage meinerseits wurde mit einem “njet” abgeschmettert), verhielt ich mich eben irgendwie. Hat auch funktioniert. Jedenfalls stand ich Reis essend und hochgradig gelangweilt vor der Waschmaschine und schaute der Wäsche beim Rotieren zu, als ein Kerl den Salon betrat und mich in der (vollkommen richtigen) Annahme, dass ich die einzige sein könnte, die Englisch versteht, fragte, wie das hier funktioniere. Helfen konnte ich ihm zwar nicht besonders, dafür kamen wir aber ins Gespräch. Wie sich herausstellte, war Zack aus Washington DC eine erfrischend interessante Persönlichkeit und ein großartiger Gesprächspartner. Wir unterhielten uns zweieinhalb Stunden ununterbrochen über seine Arbeit bei einer NGO, seine Erfahrungen als Soldat und diskutierten (endlichendlichendlich wieder einmal) über alles mögliche damit in Zusammenhang stehende.
Dienstags begann unsere Gruppe dann, konkret darüber nachzudenken, wie das Stück, das wir am Ende des Sprachkurses aufführen sollten, aussehen könnte. Die Umsetzung war dann äußerst witzig und gelungen (zu erklären, worum es ging, würde aber zu vieler Erklärungen bedürfen, da es mit Verweisen auf den Kurs gespickt war). Damit hatte ich mit Freitag den Sprachkurs offiziell erfolgreich abgeschlossen, inoffiziell und unter vorgehaltener Hand kann aber gesagt werden, dass der Erfolg in realiter wohl eher ein mäßiger ist. Ich verstehe zwar ein paar Wörter und Sätze, kann Grüßen etc., aber grammatiktechnisch ist’s zapenduster. Wenigstens kann ich meinen Namen deklinieren: Katharina, Katharinai, Katharinai, Katharinasse, Katharinas, Katharinast, Katharinale, Katharinal, Katharinalt, Katharinaks, Katharinani, Katharinana, Katharinata, Katharinaga. Der zweifelhafte Segen einer komplexen grammatikalischen Struktur.
Aber nun wieder ein Sprung zurück zu dem Mittwoch im späten August, an dem ich ins Gefängnis ging-
selbstverständlich nur, um es mir anzuschauen. Das riesige, verfallene und naturgemäß etwas ungemütlich wirkende Gebäude nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, bei dessen Anblick einer Kollegin aus Ostdeutschland der Satz: “Ohhhhhh… Da schaut es aus
wie zuhause!” entfuhr, ist für Besucher nur im Rahmen einer viel zu kurzen Führung zugänglich. Es blieb kaum Zeit sich die verschiedenen Räumlichkeiten anzusehen- vielleicht war es aber auch gut, dass man sich nicht zu sehr auf die doch sehr bedrückende Atmosphäre einlassen konnte. Außergewöhnlich interessant war es trotzdem, die Führung werde ich wohl bei Gelegenheit einmal wiederholen.
Am Abend gab es dann erneut ein Kontrastprogramm, sprich fortgehen. Was endlich sein musste, war ein traditionelles estnisches Getränk, Mile Malekas (hat irgendwas mit Medusas Kopf zu tun), das im Englischen den Namen “Jellyfish” trägt. Wenn man auch erst ob der Namensgebung rätselt, nach der Verkostung wird einem einiges klar- ich weiß noch immer nicht, was genau es ist, fest steht nur: hochprozentig ist es und mit einer ordentlichen Portion Chili versehen. Die ersten paar Minuten fühlt man weder seinen Mund noch seine Kehle, danach breitet sich aber ein wohliges Gefühl im Magen aus- und man ist mit Sicherheit für den restlichen Abend gewappnet. Dass wir überhaupt auf die Idee kamen, es zu trinken, is dem Faktum geschuldet, dass mir Securities den Zutritt zu einem Klub verwehrten, da ich ihrer Meinung nach keine ID- Karte (akzeptiert werden nämlich nur Pass und Führerschein) bei mir hatte. Idioten, depperte. Egal, der Abend war trotzdem amüsant, vor allem weil Manuela, unsere Rumänin, die mit dem Rauchen aufgehört hatte, das Einatmen von Zigarettenrauch durch das Ausstoßen von Flüchen ersetzt hatte. Das begann schon montags als sie der ganzen Erasmus-Leute ansichtig wurde: “What the fuck are all these fucking people doing in this fucking country??”. Und später dann, auf dem Weg in die Altstadt: “Fuck! These shoes are fucking my feet!” I ch mag unser “girl with iron balls”.
Donnerstag war schließlich der freie Tag, an dem die Unabhängigkeit Estlands mit der Eröffnung des Vabaduse- Platzes gefeiert wurde. Getsern passierte dann neben dem Üblichen (Fortgehen), dem Obligatorischen (Stück) und dem Abschließeden (Abschiedsfeier) aber auch noch etwas anderes. Nachdem sich für mich in den letzten Wochen alles rundherum verändert hatte, war mir danach, auch mich selbst zu verändern und Daria (eine Finnin) teilte diesen Wunsch. Also spontan zum Frisör. Nach unglaublichen fünf Stunden, die von einem Radiosender mit estnischer Party-Dance- Scheiße untermalt wurden, war die Typveränderung vollbracht. Und hier sind auch schon ein paar Bilder…
